Fata morgana

Agatha ChristieFata morganascanned by ab corrected by elch Es muß sich um ein Gerücht gehandelt haben. D - pdf za darmo

4 downloads 42775 Views 534KB Size

Recommend Stories

Story Transcript


Agatha Christie

Fata Morgana

scanned by ab corrected by elch

Es muß sich um ein Gerücht gehandelt haben. Denn als Miss Marple ihre angeblich gefährdete Jugendfreundin Carrie Louise besucht, findet sie eitel Harmonie und Sonnenschein. Trotzdem traut sie dem Frieden nicht recht und bleibt. Die drei Morde aber kann sie nicht verhindern. Erst danach gelingt es ihr, die Ereignisse aus dem richtigen Blickwinkel zu betrachten … ISBN: 3-502-50665-5 Original: They do it with Mirrors Verlag: Scherz Verlag Erscheinungsjahr: 1981 Umschlaggestaltung: Heinz Looser

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!

1 Mrs. Van Rydock trat etwas von dem Spiegel zurück und seufzte. «So dürfte es gut sein», murmelte sie. «Gefällt es dir, Jane?» Miss Marple betrachtete das Lanvanelli-Modell beifällig. «Ich finde, es ist ein sehr schönes Kleid», sagte sie. «Ja, das Kleid ist schon recht», sagte Mrs. Van Rydock und seufzte wieder. «Ziehen Sie es mir aus, Stephanie», sagte sie. Das ältliche Mädchen mit dem grauen Haar und dem kleinen verkniffenen Mund zog das Kleid vorsichtig über Mrs. Van Rydocks hochgereckte Arme. Mrs. Van Rydock stand in ihrem pfirsichfarbenen Atlasunterkleid vor dem Spiegel. Ihre immer noch wohlgeformten Beine steckten in eleganten Nylonistrümpfen. Ihr Gesicht wirkte unter der Kosmetikschicht und infolge der ständigen Massage in geringer Entfernung fast mädchenhaft. Ihr Haar war weniger grau als hortensienblau getönt und kunstvoll frisiert. Wenn man Mrs. Van Rydock betrachtete, konnte man sich unmöglich vorstellen, wie sie ohne die kosmetischen Hilfsmittel ausgesehen haben würde. Alles, was für Geld zu haben war, hatte man für sie getan. Dazu kam eine strenge Diät, Massage und ständige Gymnastik. Ruth Van Rydock sah ihre Freundin mit einem schelmischen Lächeln an. «Glaubst du, Jane, viele Menschen würden auf den Gedanken kommen, daß wir beide, du und ich, tatsächlich 2

gleichaltrig sind?» Miss Marple war ehrlich. «Keine Sekunde würde man das glauben», versicherte sie. «Wirklich, meine Liebe, ich fürchte, mir sieht man jede Minute meines Alters an!» Miss Marple hatte weißes Haar, ein rosiges rundes Gesicht und unschuldige porzellanblaue Augen. Sie sah wie eine reizende alte Dame aus. Niemand würde Mrs. Van Rydock eine reizende alte Dame genannt haben. «Das fürchte ich auch, Jane», sagte Mrs. Van Rydock. Und plötzlich lächelte sie. «Mir sieht man sie übrigens auch an. Nur nicht auf dieselbe Weise. ‹Erstaunlich, wie die alte Hexe sich ihre Figur bewahrt!› So sprechen sie von mir. Und sie wissen tatsächlich, daß ich wirklich eine alte Hexe bin. Leider fühle ich mich auch so.» Sie ließ sich schwer auf einen mit Atlas bezogenen Sessel fallen. «Danke, Stephanie», sagte sie. «Sie können gehen.» Stephanie nahm das Kleid auf und ging. «Die gute alte Stephanie!» sagte Ruth Van Rydock. «Sie ist jetzt schon über dreißig Jahre bei mir. Und sie ist die einzige Frau, die weiß, wie ich in Wirklichkeit aussehe. Jane, ich möchte mit dir sprechen.» Miss Marple beugte sich etwas vor. Ihr Gesicht sah aufnahmebereit aus. In dem prunkvollen Schlafzimmer der teuren Hotelzimmerflucht nahm sie sich irgendwie widerspruchsvoll aus. Sie trug ein etwas schlampiges schwarzes Kleid und ein großes Einholnetz und wirkte doch Zoll für Zoll wie eine Dame. «Ich mache mir Sorgen, Jane. Über Carrie Louise.» «Carrie Louise?» Miss Marple wiederholte den Namen 3

nachdenklich. Sein Klang führte sie weit in die Vergangenheit zurück. Das Pensionat in Florenz. Sie selber das weiße und rosige englische Mädchen aus einem Domschulinternat. Die beiden Amerikanerinnen, die Martins, die für das englische Mädchen wegen ihrer seltsamen Sprechweise, ihres hemmungslosen Benehmens und ihrer Vitalität ein Erlebnis waren. Ruth, groß, lebhaft, weltklug. Carrie Louise, klein, zart, versonnen. «Wann hast du sie das letzte Mal gesehen, Jane?» «Oh, wir haben uns viele Jahre lang nicht mehr gesehen. Es müssen mindestens fünfundzwanzig sein. Natürlich schicken wir uns jedes Jahr Weihnachtsgrüße.» Eine merkwürdige Sache, die Freundschaft! Sie und die beiden Amerikanerinnen. Ihre Wege trennten sich schon sehr bald, und doch blieb die alte Zuneigung. Gelegentliche Briefe, Glückwünsche zu den Festtagen. Seltsam, daß gerade Ruth, die ihr Heim – oder vielmehr ihre Heime – in Amerika gehabt hatte, diejenige der beiden Schwestern gewesen war, die sie häufiger gesehen hatte. Nein. Vielleicht war es gar nicht sonderbar. Wie die meisten Amerikanerinnen ihrer Gesellschaftsklasse, war Ruth Kosmopolitin gewesen, jedes Jahr oder jedes zweite war sie nach Europa gekommen, hatte erst London besucht, dann Paris, dann die Riviera und war dann wieder zurückgefahren. Und immer hatte sie die Gelegenheit benutzt, wo immer sie auch war, ihre alten Freundinnen aufzusuchen. Auf diese Weise waren sie oft zusammengekommen. Im Claridges oder im Savoy oder im Berkeley oder im Dorchester. Ein auserlesenes Essen, Austausch lieber Erinnerungen und ein eiliges und doch gefühlvolles Abschiednehmen. 4

Ruth hatte nie Zeit gefunden, St. Mary Mead zu besuchen. Miss Marple harte es auch nie erwartet. Das Leben jedes einzelnen Menschen hat sein eigenes Tempo. Ruths Tempo war presto, wahrend Miss Marple sich mit adagio begnügte. So kam es, daß sie die Amerikanerin Ruth am häufigsten gesehen hatte, während sie mit Carrie Louise, die in England lebte, seit über zwanzig Jahren nicht mehr zusammengekommen war. Das klingt seltsam, ist aber ganz natürlich. Denn wenn man in demselben Lande lebt, besteht ja keine Notwendigkeit, ein Zusammentreffen mit alten Freunden herbeizuführen. Man nimmt an, früher oder später würde man sich ohne vorherige Planung schon sehen. Nur – wenn man sich in verschiedenen Sphären bewegt, geschieht das eben nicht! Jane Marples und Carrie Louises Wege kreuzten sich nicht. So einfach lagen die Dinge. «Warum machst du dir um Carrie Louise Sorgen, Ruth?» fragte Miss Marple. «Auf eine Art beunruhigt es mich am meisten, daß ich mir überhaupt um sie Sorgen mache. Ich weiß nicht, weshalb ich es tue.» «Sie ist doch wohl nicht krank?» «Sie ist sehr zart. Das ist sie immer gewesen. Ich möchte nicht sagen, daß sich dies auf ungewöhnliche Weise verschlimmert hat – in Anbetracht dessen, daß sie, wie wir alle, nicht jünger wird.» «Ist sie unglücklich?» «O nein.» Nein, das konnte es nicht sein, dachte Miss Marple. Es war schwierig, sich Carrie Louise als unglücklich vorzu5

stellen – und doch mußte es in ihrem Leben Zeiten gegeben haben, wo sie es sicherlich gewesen war. Mrs. Van Rydocks Worte trafen ins Schwarze. «Carrie Louise», sagte sie, «hat sozusagen immer in den Wolken geschwebt. Sie weiß nicht, wie die Welt in Wahrheit ist. Vielleicht ist es das, was mich beunruhigt.» «Ihre Verhältnisse», begann Miss Marple, brach aber sofort ab und schüttelte den Kopf. «Nein, es liegt an ihr selber», sagte Ruth Van Rydock. «Carrie Louise war immer die von uns, die Ideale hatte. Natürlich war es in unserer Jugend Mode, Ideale zu haben. Wir hatten alle welche. Das schickte sich für ein junges Mädchen. Du wolltest auswandern und Aussätzige pflegen, Jane, und ich wollte eine Nonne werden. Aus diesem Unsinn wächst man heraus. Die Heirat, könnte man wohl sagen, treibt einem die Ideale aus. Aber ich muß schon zugeben, im großen und ganzen bin ich mit ihr nicht schlecht gefahren.» Miss Marple dachte, das wäre ein milder Ausdruck. Ruth hatte sich dreimal verheiratet, jedesmal mit einem außerordentlich reichen Mann, und die sich daraus ergebenden Ehescheidungen hatten ihr Bankguthaben ansehnlich vergrößert, ohne daß sie verbittert worden wäre. «Ich bin freilich immer sehr zäh gewesen», sagte Mrs. Van Rydock. «Ich lasse mich nicht so leicht unterkriegen. Ich habe nie viel vom Leben erwartet und sicherlich nicht zuviel von den Männern. Und ich bin gar nicht schlecht dabei weggekommen. Ohne Groll hinterher. Tommy und ich sind immer noch ausgezeichnete Freunde, und Julius fragt mich noch oft, was ich von diesem oder jenem Börsenpapier halte.» Ihre 6

Miene verfinsterte sich. «Ich glaube, ich weiß, weshalb ich mir um Carrie Louise Sorgen mache, sie hat von jeher die Neigung gehabt, schrullige Menschen zu heiraten.» «Schrullige Menschen?» «Leute mit Idealen. Carrie Louise hatte immer eine Schwäche für Ideale. Kaum siebzehn Jahre alt und so hübsch, wie man es nur verlangen konnte, lauschte sie mit Augen so groß wie Untertassen dem alten Gulbrandsen, wenn er seine Pläne für die Verbesserung der sozialen Zustände entwickelte. Er war über fünfzig, und sie heiratete ihn, einen Witwer mit einer Familie von erwachsenen Kindern – und das alles nur wegen seiner philanthropischen Ideale. Sie pflegte vor ihm zu sitzen und ihm wie gebannt zu lauschen. So etwa wie Desdemona und Othello. Nur daß glücklicherweise kein Jago da war, der Verwirrung hätte stiften können. Und schließlich war ja ein Gulbrandsen auch nicht farbig. Er war Schwede oder Norweger oder so etwas.» Miss Marple nickte nachdenklich. Der Name Gulbrandsen hatte internationale Bedeutung. Ein Mann, der mit einem stark ausgeprägten Geschäftssinn und unbedingter Ehrenhaftigkeit ein so riesiges Vermögen zusammengetragen hatte, daß wahre Philanthropie die einzige Möglichkeit bot, etwas damit anzufangen. Eine ganze Reihe wohltätiger Einrichtungen trugen noch immer seinen Namen. «Sie heiratete ihn nicht um des Geldes willen», sagte Ruth. «Wenn ich ihn überhaupt geheiratet hätte, dann nur deshalb, weil er so reich war. Aber Carrie Louise ist anders. Ich weiß nicht, was geschehen wäre, falls er sie nicht mit zweiunddreißig Jahren zur Witwe gemacht hätte. 7

Zweiunddreißig Jahre ist für eine Witwe ein sehr angenehmes Alter. Sie hat Erfahrungen gemacht, ist aber immer noch anpassungsfähig.» Die alte Jungfer, die ihren Worten lauschte, nickte gedankenvoll, während sie Witwen, die sie in dem kleinen Ort St. Mary Mead kannte, vor ihrem Geist vorüberziehen ließ. «Es war wirklich das beste für Carrie Louise, daß sie Johnnie Restarick heiratete. Natürlich heiratete er sie wegen des Geldes – o...

Life Enjoy

When life gives you a hundred reasons to cry, show life that you have a thousand reasons to smile

Get in touch

Social

© Copyright 2016 - 2019 AZPDF.PL - All rights reserved.